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Buenos Aires - Berlin

von (Kommentare: 4)

Um 18.05 Uhr startet der Flug nach Frankfurt. Bis dahin heißt es noch gut 10 Stunden zu überbrücken. Auch dies geschieht mit einer von der Reederei organisierten Busrundfahrt.

Unser Reiseleiter Adrian, ein eloquenter, unterhaltsamer Kenner der Stadt, wird mit uns ein paar der Highlights abklappern, die Buenos Aires zu bieten hat. Es beginnt mit der Plaza de Mayo, dem Platz der Mairevolution, der das Herz der argentinischen Hauptstadt darstellt.

Von jeder Menge Geschichte, Politik und Architektur umgeben, drehen wir uns einmal im Kreis, bevor wir die Catedral Metropolitana de Buenos Aires betreten. Sie ist die Hauptkirche der Katholiken und Mutterkirche des Erzbistums in der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires. Von außen sieht sie aus wie ein Museum und auch im inneren braucht es einen Moment, bis sich der kirchliche Hintergrund erschließt. Mir kommt es vor wie ein riesiger römisch-katholischer Gemischtwarenladen: Mausoleum, Heiligenschreine, Kirchen- und Andachtsräume, alles verteilt sich auf einer unglaublich großen Grundfläche. Mich erinnert es an Kaufhaus, nicht an Kirche.

Im Foyer hängt das Foto des ehemaligen Bischofs von Buenos Aires. Er verrichtet zurzeit unter anderem Namen seinen Dienst fernab der Heimat in Rom. Kochmaus findet, dass er ganz sympathisch wirkt und überlegt, ob sie ihm nicht eine Audienz gewähren soll, falls es ihn zufällig mal nach Berlin verschlägt.

Den heiligen Geist des Tangos suchen wir wenig später ebenso erfolglos in La Boca. Der vor allem bei Touristen beliebte Stadtteil gehört in jede Sammlung von Erinnerungs-Selfies. Malerische Häuser laden dazu ein, die einst aus dem Blech abgewrackter Schiffe gebaut und mit Schiffslack bunt bemalt wurden. Allerdings bieten diesmal COVID-bedingt nur wenige Künstler ihre Werke auf den Gehsteigen von El Caminito, dem kleinen Weg, an.

Fast auf den Tag genau vor drei Jahren standen an gleicher Stelle die Rote und der Graue vor verschlossenen Läden. Nicht wegen Pandemie, sondern weil die Gemahlin ihrem Gatten einfach nicht glauben wollte, dass um 18.00 Uhr die Rollläden runtergelassen werden, bzw. spätestens, wenn der letzte Touri-Bus den Platz verlässt. Und so kam 2018 genau hier das traurigste Foto von La Boca zustande: die Rote allein auf der Straße mit hängenden Mundwinkeln vor geschlossenen Türen - vor Trotz und Enttäuschung zur Tango-Salzsäule erstarrt.

Heute sind die Türen in La Boca geöffnet. In den Häusern wird aber auch jetzt nicht getanzt. Stattdessen werden alle erdenklichen Arten von Mitbringsel "Made in Irgendwo" angeboten.

Der letzte Halt bringt uns zum Puerto Madero, dem neuen Hafendistrikt im Osten von Buenos Aires. Dort bestaunen wir unter anderem ein Krangerüst, das von der ehemaligen DDR gekauft wurde, sowie einen historischen Eisbrecher mit Segelantrieb.

Bereits auf der Fahrt zum Flughafen ergreift mich große Beklemmung. Werde ich die knapp 13 Stunden Rückflug ein weiteres Mal überleben? Und wenn ja, in welchem Zustand? Dreimal hatte ich bereits dieses zweifelhafte Vergnügen, Buenos Aires - Frankfurt zu befliegen. Zweimal war anschließend eine längere physiotherapeutische Behandlung für den Rücken erforderlich. Für das Geld hätte ich mir im vornherein ebenso gut ein Business-Class-Ticket leisten können. Aber bescheiden, wie man ist, spart man eben, wo man kann.

Ebenso wie während meines ersten Pandemiefluges in die Schweiz komme ich auch in Buenos Aires nicht gut damit klar, dass sich der einstmals aus allen Nähten platzende Flughafen so entvölkert anfühlt wie nach einer Apokalypse. Erst seit Anfang November wird hier langsam wieder der Betrieb aufgenommen.

Der Jumbo-Jet der Lufthansa steht bereits auf Position. Während ich die Thrombose-Strümpfe anziehe und einen Schluck Wasser nippe, huscht Kochmaus in die VIP-Lounge. Zu meiner Verwunderung fliegt sie dort nicht postwendend raus. Vielmehr kommt sie erst eine Stunde später und wedelt nach Alkohol riechend mit einem Ticket vor meiner Nase rum. FIRST Class?! Lufthansa? Was ist das für eine üble Fälschung? Oder hat sie wieder Mal "aus Versehen" in eine fremde Manteltasche gegriffen?

Weder noch. Kochmaus zieht eine Vielfliegerkarte aus Mausepotanien blank und triumphiert. Angeblich gehört Mausoleum Airways ebenso wie die Lufthansa zur Star Alliance, einem Verbund für Bonus-Programme. Dort hat sie ihre "Cheese-and-More"-Punkte für ein Upgrade von Tiertransport in die 1. Klasse eingesetzt. Mir wird auf einmal ganz schwindelig. Sitzen die Stützstrümpfe zu stramm und schnüren mir bereits das Blut ab? Oder ist es Kochmaus unverschämtes Grinsen, mit dem ich nicht klarkomme?

Während meine Boarding-Gruppe noch eine halbe Stunde warten muss, wird Kochmaus von einer jungen, hübschen Mitarbeiterin mit Champagner an ihren Sitz geleitet. Sitznummer 1A. Direkt in die Nase der Boeing 747. Weiter vorne geht nicht.

Ich tröste mich damit, dass auch dieser Flug irgendwann zu Ende geht. Danach habe ich immerhin noch die tolle Seekarte. Und Kochmaus hat dann nichts mehr.

Noch während ich in meinem Mittelsitz eingerastet werde, schickt Kochmaus von Vorne ein Foto auf mein Handy. Sie ist so weit ganz zufrieden, etwas hellere Farben für die Kissen wären ganz schön.

"Wie geht es selbst so?", will sie wissen. "Rückenkorsett schön festgezurrt? Man sieht sich beim Orthopäden."

Noch bevor die Maschine zum Start rollt, erniedrige ich mich wie nie zuvor in meinem Leben. "Was muss ich tun, um vorne zu sitzen?", tippen meine zittrigen Finger ins Smartphone.

Die Antwort lässt nicht lange auf sich warten.

Kochmaus kriegt sich gar nicht mehr ein und sucht einen Platz, wo sie ihre wiedergewonnene Seekarte während des Fluges aufhängen kann.

Diese kleine Ratte! Um den Preis von ein bisschen mehr Beinfreiheit hat sie mir das Schmuckstück wieder abgeknöpft. Ich ertrage es mit Fassung, seit meine vorweggenommenen Rückenschmerzen phantomartig verflogen sind und stattdessen ein wohliges Gefühl grenzenloser Freiheit durch meine ausgestreckten Beine zirkuliert.

Kurz nach dem Start schauen wir auf Buenos Aires herab und die braune Suppe, die sich nördlich davon als Rio de la Plata in den Atlantik ergießt. Bald darauf geht die Sonne unter und wir drehen nach Norden, fliegen einige Stunden entlang der brasilianischen Küste. Nach einem leichten mehrgängigen Menü werden die Betten gemacht, die verteilten Schlafanzüge an- und anschließend die Decke über den Kopf gezogen.

Erst zwei Stunden vor Frankfurt, hoch über den schneebedeckten französischen Alpen begeben wir uns wieder in die Senkrechte. Das Frühstücks-Büfett steht dem auf dem Schiff in nichts nach. Kann man hier eigentlich dauerhaft einziehen? Zur Miete wohnen? Bei dem Platzangebot und dem Service sind die Flugziele egal. Hauptsache weit weg. Und natürlich mit der Gemahlin.

Von der Ankunft in Frankfurt über das Umsteigen, den Weiterflug und die endgültige Landung in der brandenburgischen Steppe südlich von Berlin stellt das Wetter ununterbrochen die Frage: Was willst Du hier?

Und ehrlich gesagt habe ich darauf nur eine einzige Antwort: Sonne! Die leuchtet rot und strahlt bereits im Treppenhaus auf mich herab, so dass ich fast erblinde.

Ich bin angekommen.

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Oh wie romantisch!!! Schön auch für uns, dass du wieder da bist

Kommentar von Peter |

Liebe Martina, auch liebe Nachbarn machen es einem einfacher wieder heimzukehren. Ich denke nur an den stimmungsvollen Adventskaffee bei Euch!
LG Peter

Kommentar von Die Kleene |

Welcome back lieber Peter. Schön, dass du wieder gesund und voller Freude nach Hause zurückgekehrt bist und die Rote nun endlich wieder eine Aufgabe hat....hihi

Eure/deine Logbuch-Eintragungen waren mal wieder außerordentlich kurzweilig, interressant und spannend, vor allem aber habe ich wieder viel  gelacht. Wenn ihr auf Reisen seit, brauche ich kein Buch.
Wann seit ihr das nächste Mal unterwegs? Ich hoffe, ich muss nicht so lange warten.

Liebe Grüße von der K

Kommentar von Peter |

Liebe Yvonne, Du kennst die Rote ja schon viel länger als ich, insofern hast Du bestimmt eine gute Vorstellung davon, wie schnell ich von Wolkenkuckucksheim zurück auf den Boden der Tatsachen zurückgekehrt bin. Oder, wie manche Personen in diesem Haushalt sagen: Jetzt zieht wieder Ordnung in Dein Leben ein.
Vielen Dank für Deinen lieben Zuspruch. Es ist uns wirklich ein Freude zu erfahren, wenn wir unseren Lesern ein paar vergnügliche Momente bereiten können.
Was die Pläne für weitere Reisen betrifft, da geht es uns wie allen anderen: hoffen, dass Covid keinen Strich durch all die schönen Pläne macht. Und das fängt ja schon bei kleineren Ausflügen an. Von fernen Ländern ganz zu schweigen. Aber ich will nicht meckern. Die Reise nach Argentinien war bis 3 Wochen vor Start weder existent, noch von uns planbar. Oder anders ausgedrückt: es kommt wie es kommt. Oder wie Kochmaus sagen würde: Nach der Reise ist vor der Reise.
Ganz liebe Grüße
Peter

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