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Buchtipp: „Getauschte Heimat“ Ein Jahr zwischen Berlin und Tel Aviv

von (Kommentare: 1)

Ein Briefwechsel zwischen Yael Nachshon Levin und Anja Reich

Zwei Frauen schreiben sich ein Jahr lang Briefe. Sie haben sich jeweils in der Heimatstadt der anderen niedergelassen: Anja, die Berlinerin, entdeckt Tel Aviv. Yael, die israelische Musikerin, kommt mit ihrer Familie nach Berlin. Was daraus entsteht, ist so einfach wie großartig – und öffnet einem das ganze Herz.

 

Liebe Anja, liebe Yael,

als ich vor einiger Zeit Euer rotes Büchlein in die Hände bekam und noch im Stehen im Buchlanden anfing zu lesen, wusste ich eigentlich schon nach den ersten Sätzen, dass ich Euch später schreiben würde. Inzwischen sind einige Wochen vergangen, der Berliner Sommer 2021 neigt sich dem Ende zu, der Himmel ist nochmal hoch und strahlend blau. Auf dem Lietzensee spiegeln sich die Herbstblätter, der Kudamm ist voller Menschen, die in den Cafés sitzen und die Gesichter in die Sonne halten.

Ich habe Euer Buch zu Ende gelesen und zwei Vertraute gewonnen.

Begeistert und leidenschaftlich habe ich meinen Freundinnen von der wunderbaren Entdeckung erzählt, die ich durch den Briefwechsel zwischen Tel Aviv und Berlin gemacht habe. Und vor allem: Immer und immer wieder habe ich meine Heimatstadt jetzt durch die Augen von Yael gesehen. Deine Ausflüge mit den Kindern, Dein lautes Reden, Deine Sicht auf die Stadt. Deine Vorsicht, Deine unbändige Neugier und Deine Zerrissenheit nachempfunden. Manchmal habe ich die Ohren gespitzt und mich umgedreht, wenn ich Deine fremdklingende Sprache im Bus oder in der S-Bahn gehört habe.

Ich habe Anja bewundert, die mit dem Auto durch Tel Aviv saust und sich im mörderischen Verkehr zurechtfinden muss. Warmherzig, mit neugierigem Blick und nicht ohne Humor begegnest Du den Menschen. Deine Beschreibungen von Tel Aviv führten dazu, dass ich gern mal hinmöchte. Die weiße Stadt am Meer, ein Sammelsurium aus allen möglichen Kulturen.

Was mich am meisten beeindruckt hat und für mich die schönste und schwerste Erkenntnis aus Eurem Buch ist: Ihr wart beide fremd in der jeweils anderen Stadt. Ihr habt Vorurteile beiseitegeschoben und dennoch nicht nur Schönes erfahren. Die eine wie die andere von Euch hadert anfangs mit der festgelegten Rolle, die unsere beiden Nationen in der bitteren Geschichte des letzten Jahrhunderts miteinander verwoben haben. Ihr entstammt beide der „Generation danach“, und trotzdem fühlt jede von Euch sich verantwortlich. Und gerade das macht es möglich, den Blick zu öffnen für die Zukunft: Ihr seid Freundinnen geworden. Ihr habt gezeigt, dass unter Menschen das möglich ist, was die Geschichte für unmöglich hielt.

Ihr habt in einfache kleine Geschichten aus dem Alltag das beschrieben, was passiert, wenn man sich von vorgefertigten Meinungen und Vorurteilen abwendet, seinen Blick hebt und sein Gegenüber neugierig betrachtet. Einfach nur neugierig und offen. Das kann ich aus tiefstem Herzen bestätigen: Der Satz „Where are you from“ war der meistgehörte Satz auch auf unserer Reise um die Welt.

Yael, Du hast beschrieben, dass Menschen oft eine Meinung über andere Menschen haben, ohne ihnen jemals begegnet zu sein. Du bist aufgewachsen mit dem Wissen, dass die Syrer Deine Feinde sind, so hast Du es in der Schule gelernt. Und nun begegnest Du ihnen im Sprachkurs in Berlin und freundest Dich mit Ihnen an. So einfach ist das!
Ich kenne das, Anja sicher auch! „Die Amerikaner“ waren unsere Feinde, als wir Kinder waren. Ich war nie einem begegnet. Später, auf Reisen durch Amerika, habe ich keinen einzigen getroffen, der auch nur ansatzweise mein Feind war – im Gegenteil. So einfach war das!

Euer Buch hat mich sehr nachdenklich gemacht, aber im positiven Sinne. Es war eine große Freude für mich, es zu lesen und Euren wunderbaren Entdeckungen zu folgen. Ich habe viele Stellen angestrichen und Zettel reingeklebt und wieder und wieder nachgelesen. So einfach zusammengefasst wurde mir selten klar: Wir können alle Hindernisse überwinden, wenn wir in unserem Gegenüber den Menschen sehen. Der oft nicht mit der Politik seines Heimatlandes einverstanden ist, der seine Wurzeln erkunden will und seine Kinder vergöttert, der sich sorgt und jemanden liebt und eine Idee für seiner Zukunft hat. Egal, welche Sprache er spricht, wo er geboren ist, wo er begraben werden will.

Wenn Ihr – wie von Yael überlegt - eines Tages die Partei gründet, die ohne Staat ist und die „Menschen“ heißen soll und auf Beziehungen zwischen Menschen aus verfeindeten Staaten ausgerichtet ist, die Vorurteile gegen Länder und Völker abbauen soll, die uns von Politikern und Medien eingeimpft werden, und die das Gemeinsame hervorheben soll, dann sagt mir unbedingt Bescheid! Ich bin dabei.

Eure Simone

Getauschte Heimat

Aufbau Verlag, Berlin 2019; 224 Seiten.

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Kommentare

Kommentar von Maxi |

Ich hoffe, du schickst diesen wunderbaren Brief auch ab!

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