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Boomtown

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Vom Zion Nationalpark fahren wir nach Las Vegas. 260 Kilometer. Knapp 3 Stunden Autofahrt. Ziel und Bleibe für die kommenden Nächte ist das Hotel Bellagio, mithin das beste Haus am Platz. Mike gönnt sich verdientermaßen diese wirklich feine Unterkunft. Kochmaus und ich machen da gerne mit.

Das Bellagio liegt im Zentrum der Stadt am Las Vegas Boulevard. Im Oktober 1998 eröffnet, gehört es mit knapp 4.000 Zimmern und rund 8.000 Mitarbeitern zu den größten Hotels der Welt.

Zur Hotelanlage gehören unter anderem ein 3,2 Hektar großer künstlicher See, die Ladenpassage „Via Bellagio“, eine Kunstgalerie mit wechselnden Ausstellungen, ein Wintergarten, in dem je nach Saison aufwendig gestaltete Gartenschauen präsentiert werden, neben etlichen anderen auch zwei Sterne-Restaurants, ein Kasino sowie zwei Hochzeitskapellen. Alles ist der italienischen Landschaft des Comer Sees nachempfunden und benannt nach der dort gelegenen Stadt Bellagio.

Das Bellagio wurde weltweit bekannt als Hauptschauplatz der Hollywood-Filme Ocean’s Eleven und Ocean’s 13.

Wir beschließen den Tag bei einem gepflegten Essen im Restaurant Spago mit Blick auf die legendären Wasserfontänen des Hotels. Mittels einer computergesteuerten Show werden hier täglich mehrmals pro Stunde Installationen aus über 1200 Düsen, beleuchtet von 4000 Lampen, zum Besten gegeben. Einige der Düsen schießen das Wasser über 140 Meter in die Höhe, andere sind beweglich und lassen die Fontänen regelrecht tanzen. Dazu ertönt wechselweise und stilsicher immer ein anderes Musikstück.

Als Kochmaus nach dem Abendessen versuchen will, sich im Kasino noch ein bisschen was dazuzugewinnen, wird ihr der Zugang zum "Legends Room" des Kasinos verwehrt. Sie kann nicht glaubhaft machen, dass sie über den dort erforderlichen Minimaleinsatz von 20.000 Dollar verfügt.

Als ihr danach auch noch ein einarmiger Bandit die gesamte Barschaft von 20 Cent und einem Chip für den Einkaufswagen mit Links abnimmt, beschließt sie, im Zimmer ein schönes Buch zu lesen und die tolle Aussicht auf den Strip zu genießen.

Bei 35 Grad Außentemperatur wohnen wir am nächsten Tag zunächst ausgiebig die opulente Suite und den grandiosen Ausblick ab. Mike schreibt an den letzten Kapiteln seines Buches "Vizion & Courage - The GoJump America Story".

Ich versuche einen Überblick über die wachsende Foto-Flut unserer Abenteuerreise zu gewinnen und Kochmaus studiert verschiedene Bücher über todsichere Roulette-Systeme. Als ich vorschlage, sie solle doch an ihrer Biografie arbeiten mit dem Titel "Pech im Spiel - kein Geld für die Liebe", meine ich, so etwas wie Hass in ihren funkelnden Augen zu erkennen.

Am Nachmittag verlassen wir das Hotel. Spazierengehen - zumindest tagsüber - ist nichts wofür sich Vegas an erster Stelle eignet. Im Sommer geht es rasch über 40 Grad. Hier, wo vor nicht mal 200 Jahren die ersten Weißen Halt machten, war nichts als karge, steinige Wüste und eine erbarmungslose Sonne, die von einem stahlblauen Himmel brannte. Daran hat sich bis heute nichts geändert.

Ab 1905 begann der urbane Aufstieg dessen, was sich als Las Vegas dauerhaft einen Platz auf der Landkarte sicherte. Niemand konnte vorhersehen, dass diese Ansiedlung auch im Jahr 2022 der Wüste noch immer Land abtrotzen würde. Wie ein Pizzateig rollt sich Las Vegas unaufhaltsam in die Breite aus.

Als 1931 in Nevada das Glücksspiel legalisiert wurde, avancierte Vegas zur Sin City – der Stadt der Sünde. Unter fürsorglicher Hege und Pflege der Mafia erblühten Kriminalität, Spielsucht, Rausch und jede denkbare Form von Unmoral. Bis heute lebt die Stadt mit diesem angeschmuddelten Image.

Doch 1990 vollzog sich ein grundlegender Wandel. Essen, Trinken, Drogen, Partys und sexuelle Ausschweifungen sind ja per se nichts, was nur verkommene Kreaturen mit kriminellen Erbanlagen interessiert. Das Kerngeschäft „Glücksspiel“ wurde durch kulturelle Angebote erweitert. Shows, Konzerte, hervorragende Gastronomie und einzigartige Hotel-Landschaften ließen die zahlungsfähige Kundschaft regelrecht explodieren. Das „moderne“ Las Vegas wurde zum weltweit größten, dauerhaft geöffneten Vergnügungspark.

Metropolen wie New York, London, Paris oder Berlin, die sich gern für das Maß der Dinge halten, wirken im Vergleich zu Vegas so hipp und trendy wie ein Gartenzwerg auf Nachbars frisch gemähtem Rasen hinterm Jägerzaun. Wenn es eine Lebensform gibt, die sich – wohlwollend gemeint – als Menschenzoo darbietet, dann findet sie sich in Las Vegas. Anderswo bietet Karneval den ansonsten braven Bürgern ein zeitlich befristetes Ventil zur Entgrenzung. Quasi ausflippen nach Kalender. Vegas hingegen ist ein einziger Karneval – 24/7/365. Hier muss sich niemand verkleiden, um zu sein, was er, sie oder es schon immer sein wollten.

Nirgendwo spielt der Begriff „divers“ eine Rolle. Schon gar nicht als gesellschaftlich relevantes Problem von Minderheiten. Denn „normal“ ist in Las Vegas schrill, verrückt, durchgedreht, wahnsinnig, anders, komisch, tragisch und in jeder Hinsicht farbenfroh. All das trifft sowohl auf die Besucher zu als auch die Menschen, die in der Stadt ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Die Grenzen zwischen „schön“ und „hässlich“ lösen sich in Luft auf. Geschmack oder was immer man dafür hält, ist hier nicht mehr Gegenstand irgendwelcher Überlegungen, geschweige Anlass zu Streit. „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“, würde man das auf Deutsch kommentieren.

Der String-Tanga neben dem Kopftuch einer muslimischen Besucherin ist hier weder Kontrast noch Provokation. In Vegas ist das eine gelebte Symbiose von Weltbildern, die an anderer Stelle wirklichkeitsfremd diskutiert und gegeneinander in Stellung gebracht werden. Jedenfalls scheinen die 40 Millionen Besucher, die Las Vegas pro Jahr bereisen, zu beweisen, wie tolerant Menschen sein können, wenn man sie einfach nur lässt.

Mit sechs dauerhaften Shows gehört der Cirque du Soleil zu den tragenden Unterhaltungssäulen der Stadt. Während der moderne Zirkus auch international auf Reisen ist, gibt es einige Programme, die nur in Las Vegas zu sehen sind. Dazu gehört u.a. die aufwendige „O“, die im Bellagio auf einer gigantischen Wasserbühne dargeboten wird.

Wir nutzen die Gelegenheit und besuchen die neueste Show „Mad Apple“, die sich thematisch mit New York befasst. Musik, Artistik, Tanz und Stand Up Comedy sorgen für einen kurzweiligen Abend.

Den zweiten Abend verbringen wir wesentlich bedächtiger und in einer leichten Anspannung. Nach einem guten Abendessen flanieren wir noch ein bisschen auf dem Strip. Wir lassen die Stadt, die Menschenmassen und die Lichter auf uns wirken. Paradoxerweise wirkt all das fast ein bisschen meditativ. In wenigen Stunden wird es nämlich so weit weg sein wie der Mars.

Wir werden uns nicht einmal mehr schlafen legen. Um Mitternacht brechen wir auf zu Mikes finaler Herausforderung. Sie wartet drei Autostunden entfernt auf ihn, weit weg von der nächsten Ansiedlung. Das einzige Licht dort draußen, wird dann seine Stirnlampe sein, die Neonbeleuchtung nur noch eine ferne Erinnerung.

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