Zur Übersicht

Blick zurück nach vorn

von (Kommentare: 1)

Vor vielen Jahren erfand meine Freundin Conni den Jahresrückblick. Sie hatte ein grässliches Jahr hinter sich, in dem Monat für Monat eine Katastrophe die nächste jagte. Sie fasste das Jahr zusammen in zwölf Sätzen, die sich lasen wie aus dem irren Drehbuch einer Horrorkomödie. Es war nicht ihr bestes Jahr – gelinde gesagt. Am Ende konnte sie drüber lachen und stieg wie Phönix aus der Asche. Was geblieben ist aus diesem Katastrophen-Jahr: Unser Jahresrückblick.

Seitdem tauschen wir immer im Januar unsere Bilanzen aus. Aus zwölf Sätzen wurden zwölf Seiten, wir erstellen inzwischen Listen mit den schönsten Büchern und dem tollsten Musikstück, den besten Anschaffungen, wir kreieren den „Satz des Jahres“, das „Unwort des Jahres“, das traurigste und das schönste Erlebnis. Wir erfinden neue Kategorien, fügen Fotos ein und legen Ordner an. Wir listen auf, welche Länder wir besucht haben, wer uns besonders geärgert hat, in wen wir uns verknallt hatten. Wir lesen, was uns verbindet und was besonders wichtig war.

In manchen Jahren haben andere Freundinnen mitgemacht und ihren Jahresrückblick vorgelegt und mit uns ausgetauscht. Aber nur wir beide sind dabeigeblieben. Jahr für Jahr.

Im zweiten Corona-Jahr – 2021 – hörte ich von einer anderen Idee, die mir so gefiel, dass ich sie zusätzlich sofort in die Tat umsetzte. Jeden Sonntag wirft man einen Zettel in ein Jahresglas, auf dem man das schönste und beste niederschreibt, was einem in der vergangenen Woche passiert ist. Mit der Kalenderwoche ergänzt, ergeben die Zettel am Ende des Jahres eine positive Bilanz – und wenn man sie alle hintereinander weg liest, kann man nur zu dem Schluss kommen: Was für ein grandioses Jahr! Und DAS genau war es, was wir nach einem Pandemie-Jahr, das wir mehr oder weniger im Lockdown verbracht hatten, dringend brauchten! Die Erinnerung daran, dass es toll war!! Trotz alledem!

Das Jahresglas „2021“ wurde dann im neuen Jahr ausgeschüttet und die bunten Zettel aufgeklebt. Das Lesen war eine einzige Offenbarung. Wie viele schöne Sachen doch passiert sind! Die hätte man in manchen Fällen glatt vergessen, wenn man sie nicht notiert hätte.
„Die erste Bratwurst nach dem Winter am Bahnhof Grunewald“, habe ich im Februar auf meinem Zettel notiert. Ein sehr langer Spaziergang in der Sonne bis zur Domäne Dahlem. Onlinesport jeden Dienstag, das Buch „Fast hell“ von Alexander Osang, auch, dass ich in meinem Lieblingsladen war und NICHTS gekauft habe. Eine erstaunliche Erwähnung! „Eine Stunde Ikea“ steht auf einem anderen Zettel. Dass unsere kaputte Dusche wieder repariert wurde. Worüber man sich doch so freuen kann! Ein Spiegeltablett, das ich für 10 Euro auf Ebay erstanden habe. Dass wir eine Brieftasche auf der Straße gefunden haben, und sie dem Besitzer zurückgegeben haben. Sogar der Anruf der Hausärztin für den ersten Impftermin ist verewigt. Und dass man wieder ohne Maske in den Zoo durfte. Das Cousinentreffen im Juni, als wir ein Foto aus der Kinderzeit nachstellten, die Entdeckung des Britzer Gartens, der Ausflug nach Schwerin, ein großartiges Konzert von Tom Jones in der Waldbühne, die Serie „Sie weiß von Dir“, und natürlich im beginnenden Winter der Urlaub in der Sonne – auf dem Schiff. Aber auch die Leberwurstbrote, die ich genussvoll in mich reingemampft habe, als der Graue eine Woche verreist war, habe ich als wunderbare Erinnerung notiert. Die besonderen Pfefferkuchen, die ich gebacken hatte. Der erste Schnee, der in Berlin gefallen ist. Das ruhige Weihnachtsfest zuhause, Silvester ganz familiär, am gedeckten Tisch bei den Schwiegereltern.

Einfache Dinge, die ich da auf die Zettel gekritzelt habe. Manche davon hatte ich schon fast wieder vergessen. Und jetzt - hintereinander gelesen – ziehen sie nur den einen Schluss nach sich: Es war – trotz der irrsinnigen Corona-Sache – mal wieder das beste Jahr meines Lebens. Wie jedes Jahr!

 

Zurück

Kommentare

Kommentar von Cornelia König |

Lieber Jahresrückblick-Fan,

es freut mich sehr zu lesen, dass am Ende wir Beide an dieser schönen Tradition festhalten und uns in jedem Jahr auf den Rückblick der Anderes freuen. Wie sagt eine Freundin von mir immer: "Wer es schön haben will, muss es sich schön machen!". Da ist etwas Wahres dran und wir sehen am Ende eines jeden Jahres, möge es noch so schwer gewesen sein: WIR haben das geschafft. Für mich war das nach meinem ersten Jahresrückblick nicht all zu schwer, es konnte nur besser werden.
Und deine kleine Schwester des Jahresrückblickes, das bunte Zettel-Glas, ist eine super Alternative dazu. Ich notiere seit drei Jahren jeden Tag eine kurze Bemerkung in meinen 10-Jahresweiser, was auch sehr interessant ist. Man hat den Vergleich zu den Jahren davor stets im Auge, was oft erdet.
In diesem Sinne, hoffen wir auf ein abwechslungsreiches, stressfreies, gesundes und fröhliches 2022 und freuen wir uns auf den Jahresrückblick 2022 im Januar 2023!

Deine Freundin und Erfinderin Conni

Einen Kommentar schreiben

Was ist die Summe aus 8 und 2?