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Bergfest

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Wir lassen Moab hinter uns und erreichen nach fünf Stunden und 350 Kilometern den Ort Escalante. Übernachtung nach alter Westernmanier ganz rustikal in Blockhütten mit Doppelstockbetten. Die perfekte Einstimmung auf den nächsten Tag, für den ein Potpourri an Outdoor-Aktivitäten geplant ist. Immerhin begeht Mike mit Tour Nummer 3 zugleich sein Bergfest.

Morgens um 6 Uhr trennen sich unsere Wege. Es ist 3 Grad über Null und Mike schaut in seinen kurzen Hosen nachdenklich auf das Thermometer, während ich mich auf die Sitzheizung im Range Rover freue.

Die Aufgabe für heute sieht eine 100 Kilometer lange Bike-Fahrt auf dem Hole-in-the-Rock-Trail vor. Auf dieser geschichtsträchtigen Route gelangten einst Siedler an das Ufer des Colorado. Genauer gesagt standen sie am Ende des Trails auf einer Anhöhe und blickten auf den Fluss hinab. Durch eine Öffnung in der Felsformation (Hole in the Rock) bugsierten sie dann ihre Planwagen und Habseligkeiten zum Fluss hinab. Welche Mühen das gewesen sein müssen, kann man bloß erahnen. Immerhin plant Mike für diesen Abstieg - „nur“ mit seinem Bike belastet - eine Stunde ein.

Während Mike in die Pedale tritt, werde ich auf einer anderen Route knapp 160 Kilometer zurücklegen, um nach Bullfrog zu gelangen. Ein Ort, der nicht viel mehr ist, als ein riesiger Bootsanlegeplatz mit Hotelanschluss am Ufer des Lake Powell, dem zweitgrößten Stausee in den Vereinigten Staaten von Amerika. Der See erstreckt sich über eine Länge von 300 Kilometern im Grenzgebiet von Utah und Arizona. Mitte der 1960er Jahre durch Aufstauung des Colorado, wurde er zu einem beliebten Urlaubsziel. Die Küstenlinie des Sees ist mit über 3000 km länger als die gesamte Westküste der USA.

Niederschlagsarme Jahre und eine verstärkte Wasserentnahme lassen den Wasserpegel des Sees allerdings seit Jahren stetig sinken. Im September 2012 war die Wassermenge auf 60% gesunken. Die Dürre in Nordamerika seit 2020 und die Hitzewelle in 2021 reduzieren den Wasserstand weiter. Im Juli 2021 war der See nur noch zu rund 30 Prozent seines Fassungsvermögens gefüllt. Inzwischen ist das Speichervolumen auf weniger als ein Viertel seiner Kapazität abgefallen. Da, wo Mike seine Fahrt beendet, reichen die sinkenden Pegel trotzdem nicht, um das Wasser per Rad oder zu Fuß zu überwinden. Ohne Schwimmhilfe geht hier noch immer nichts. Und so übernehmen Kochmaus und ich in Bullfrog ein Powerboat und stechen in See.

Wir lassen die Haare im Fahrtwind wehen, verbrennen unsere nicht eingecremten Gesichter und machen überhaupt eine Riesenwelle. Nach zwei Stunden Fahrt durch eine traumhafte Wasser- und Felsenkulisse erreichen wir schließlich eine kleine Bucht und blicken von dort hinauf auf das legendäre Loch in der Wand. Durch diese hohle Gasse soll er kommen. Planmäßig etwa gegen 13.00 Uhr. Bis dahin haben wir genug Zeit und genießen entspannt die Kulisse.

Die Strecke, die Mike heute zurücklegen wird, scheint auf den schnellen Blick nicht ganz so schwierig. Aber zum einen müssen auch 100 Kilometer erstmal überwunden werden, und zum anderen reden wir auch diesmal nicht über asphaltierten Straßenbelag.

Auf dem unbefestigten Weg mit zum Teil sehr weichsandigem Boden, fährt es sich wie auf rohen Eiern. Unterwegs begegnet er keiner Menschenseele. Verbindungsaufnahme über Telefon ist hier draußen nicht möglich. Unsere letzten Absprachen sind verbindlich. Bleibt nur zu hoffen, dass nichts Unvorhergesehenes passiert.

Um 13 Uhr ist von Mike noch nichts zu sehen. Auch nicht um 14 Uhr. Als der felsige Durchgang um 15 Uhr noch immer menschenleer ist, werde ich langsam unruhig. Sind wir hier überhaupt richtig? Ist was passiert? Der nächste Telefonempfang ist zwei Stunden entfernt. Der nützt aber nichts, wenn Mike irgendwo in der Pampa festklemmt und seinerseits nicht erreichbar ist.

Ich bräuchte zwei Stunden für die Rückfahrt, um irgendetwas in Erfahrung zu bringen. Es ist bereits halb vier. Wann wird´s nochmal dunkel? Kreist da oben etwa schon ein Geier? Oder ist das immer noch dieselbe einsame Krähe, die uns seit Stunden immer mal wieder neugierig umrundet hat.

Wenn Mike um 16 Uhr nicht auftaucht, kehren wir um. Um 18 Uhr könnte ich dann versuchen zu telefonieren, um herauszufinden, ob es an anderer Stelle Informationen über den Verbleib des Vermissten gibt. Und was ist, wenn er doch noch den Treffpunkt erreicht hat? Allein am Ufer des Lake Powell steht – und sich dort nicht mitteilen kann? Die Nacht in der Wildnis verbringen muss? Wie haben wir das Leben eigentlich früher gemeistert? Probleme gelöst - ohne Handy und Textnachrichten? Egal wie ich mich entscheiden werde, es wird verkehrt sein. Aber Nichtstun ist auch keine Option.

Und plötzlich steht da etwas. Wie aus dem Nichts – ein Mensch in Schwarz. Mit Mountainbike. Als wäre das sandige Ufer eine Bushaltstelle. Wie abgesprochen, war Mike pünktlich am Ziel. Hoch oben auf den Felsen hat er noch eine Weile die Aussicht genossen. Er konnte das Boot sehen und wusste im Gegensatz zu uns, dass alles nach Plan gelaufen war.

Stundenlang habe ich auf die Felsspalte gestarrt, bis mir die Augen trocken wurden. Ich wollte unbedingt sehen und fotografieren, wie Mike sich mit dem Rad durch das Gestein quält. Vergebens. Leider bleibt keine Zeit mehr, den Abstieg fürs Foto zu wiederholen. Dafür rundet die zweistündige Rückfahrt einen langen, aufregenden und wieder einmal tollen Tag ab.

Nach dem Abendessen genießen wir noch den Sonnenuntergang und blicken über die unendliche Weite dieser ursprünglichen Landschaft, die der Mensch mit großem Aufwand für sich nutzbar machen will. Ein gigantischer Plan und mit der Umsetzung ganz sicher auch eine große Ingenieursleistung. Und dennoch hat es nur ein paar Jahrzehnte gedauert, bis das Wasser hier wieder abläuft, wie in einer Wanne ohne Stöpsel. 1995 waren wir hier bereits gemeinsam zu dem großen Foto-Shooting mit der Schweizer Nationalmannschaft. Damals war der Stausee randvoll.

Wir blicken auf die Millionen Jahre alten Canyons und die nicht einmal 100 Jahre währenden menschlichen Bemühungen, die Natur neu zu gestalten. Wie es hier wohl in weiteren 100 Jahren aussehen wird? Oder in 1.000? Ich bin jedenfalls sicher, wenn die Canyons Gefühle zeigen könnten, würden sie sich schon jetzt ins Fäustchen lachen.

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