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Bambule im Bumbódromo

von (Kommentare: 1)

Karneval in Rio haben wir hier natürlich nicht erwartet. Aber ein bisschen Rio ist überall. Auch am Amazonas. Hier heißt es nur: Bumba-meu-boi!

Am Freitag, den 24. März 2023 erreichen wir Parintins. Die Stadt hat über 100.000 Einwohner auf einer Fläche von knapp 6.000 m2 - und ist die zweitgrößte im Bundesstaat Amazonas. Bis Manaus sind es noch über 450 Kilometer, auf dem Wasser natürlich.

Parintins ist bekannt geworden durch ein Festival, das zwar erst Ende Juni stattfindet, dessen Ausläufer und Vorbereitungen die Gegend aber das ganze Jahr begleiten.

In einem fantastischen Wettbewerb konkurrieren zwei Gruppen – die roten (Boi Garantido) und die blauen (Boi Carprichoso) - um die gelungenste Aufführung eines Tanzspiels. In der dargestellten Geschichte geht es um die Auferstehung eines Ochsen, ein Mädchen, ihre Verehrer, allerlei Verwicklungen und dramatische Wendungen, die Natur, diverse Tiere, Geister und Beschwörungen. Kurz: Es geht um alles.

Für dieses Fest gibt es in Parintins ein eigenes großes Stadion, das Bumbódromo genannt wird. Klingt bombastisch – und steht heute auf unserem Besichtigungsprogramm.

Wir setzen diesmal nicht mit unseren Zodiacs, sondern mit ortsansässigen Passagierbooten über, bummeln durch den Ort und entdecken wunderschöne Wandmalereien, die eine sehr besondere Galerie bilden. Wir können uns kaum sattsehen daran und folgen der Mauer Bild um Bild.

So landen wir bald vor der riesigen Arena: dem Bumbódromo. Schon das gewaltige Gebäude ist farblich klar in zwei Teile geteilt: Blau und Rot. Eine Gruppe junger Leute heißt uns willkommen, sie führen uns bereitwillig durch alle Etagen, lassen uns in Probenräume und Instrumentenzimmer, Werkstätten, Büros und Galerien schauen. Es gibt eine kleine Entdeckung in der oberen Etage: Wunderschöne Plastiken, ganz offensichtlich traditionelle Kunst. Und einen Blick in die Arena: Rote und blaue Sitze, wie mit dem Lineal gezogen sind Innenraum und Fanblocks getrennt.

Und nicht zuletzt: Von ganz oben können wir einen Blick über Stadt, Hafen und das Wasser werfen. Unser Schiffchen schaukelt in einiger Entfernung.

Ein letztes Foto mit dem Ochsen aus der Geschichte, der im Juni wiederauferstehen soll.

Am Abend werden wir zur Übungsarena der Roten – genannt Boi Garantido – gefahren. Hier dürfen wir – wenn schon nicht die Originalshow im Juni – einen kleinen Ausschnitt der großen Festivität erleben. Schon die bombastische Bühnendekoration lässt uns ungefähr erahnen, was hier abgeht, wenn der Ochse wirklich aufersteht.

Wir sind in der Vorbereitung angewiesen worden, unbedingt rote Sachen anzuziehen. Zur Not kombiniert mit Weiß oder hell. Auf gar keinen Fall darf man Blaues tragen, denn das kommt einem Mannschaftsverrat gleich und wir fragen nicht, was dann passiert. Der Graue weigert sich, ein von mir herausgelegtes rotes Kleid zu tragen. Ich bin ja bestens ausgerüstet, er beschränkt sich auf eine rote Unterhose und schlägt vor, diese zur Not beim Einlass zu präsentieren.

Zum Glück ist dies nicht nötig. Der Graue ist von den hübschen Mädchen in bunten Kostümen und dunkelrotem Federkopfschmuck, die ihn schon zur Begrüßung mit Getränken einlullen und umschwärmen, ganz benommen, taumelt hinter mir her und klammert sich an seine Fotoapparate.

Was dann geboten wird, stellt den Karneval in Rio bestimmt nicht allzu sehr in den Schatten. Zusammenfassend: Es ist sehr laut, sehr bunt, sehr schräg und unfassbar für alle Sinne. Es wird viel gesungen, getanzt und getrommelt, und man weiß beim besten Willen nicht, wie unsere europäischen Sinne in gesetztem Alter das verarbeiten sollen. Und das soll nur eine der Generalproben der „Roten“ sein? Mir läuft der Schweiß in Strömen, und nach einer Stunde bin ich fix und alle. Der Ochse ist brüllend auferstanden, macht – umtanzt von brasilianischen Schönheiten mit langen Haaren und noch längeren Beinen - einen farbenfrohen Riesenzirkus. Die Arena tanzt, die Touristen aus Deutschland stürmen die Bühne.

Am späten Abend falle ich erschöpft in einen bleiernen Schlaf. „Bumba-meu-boi!“ höre ich noch das Getöse der Menge. Aber diesmal ist es nur das vertraute leise Schnarchen des Grauen, das gegen den wilden Ochsen aus der Arena klingt wie eine sanfte Meeresbrise.

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Kommentare

Kommentar von Conni |

Das hätte ich zu gerne auch miterlebt!
Viel Spaß weiterhin!. Ich lese alles und erfreue mich an den tollen Fotos.
Und schön gesund bleiben ihr Beiden!
Eure Conni aus dem kalten Deutschland

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