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von (Kommentare: 1)

Wie fängt man eine Geschichte über Urlaub an, auf den man sich freut und den man sich redlich verdient hat?

Am besten nicht mit der Anreise per Deutsche Bahn. Nicht mit der Verspätung. Nicht mit dem DB-Bullshit-Bingo, das im Abstand von zwei Minuten ständig neue Wagenreihungen über den Bahnsteig trötet, die zu panikartigen Massenbewegungen unter den wartenden Fahrgästen führen. Nicht mit dem auf Eistemperatur runtergekühlten Abteil. Und auch nicht mit der „heute leider nicht vorhandenen Bordbistro“–Information. Die verspricht eine 5-stündige Bahnfahrt mit zunehmendem Hunger, Durst und schlechter Laune.

Beginnen wir lieber mit der Vorfreude auf das, was der Inselaufenthalt für die kommenden Tage verspricht. Dabei sind die Erwartungen unterschiedlich hoch. Die Bilder, die im Kopf der Frau existieren, stammen vom Hörensagen und ungezählten Poster-Fotos, als Ergebnis eines perfekten Sylt-Marketings.

Der Mann greift auf die Erinnerungen von zwei vorausgegangenen Kurzbesuchen zurück, die allerdings nicht geeignet sind, ein belastbares Urteil über die Insel mit „S“ am Anfang zu fällen. Ihm ist vor allem zweierlei im Gedächtnis geblieben: Kilometerlange, traumhafte Sandstrände, die sich über 30 Kilometer entlang der Westküste erstrecken. Und ein dicker, fetter, zubetonierter Schandfleck mittendrin, der sich Westerland nennt. Bei jedem seiner Besuche erschien es ihm aufs Neue, als könnte die Inselhauptstadt prima als Filmkulisse herhalten - für Wladiwostok in den 1950er Jahren.

Wer mehr zu der filigranen Stadtplanung von Westerland und gleichzeitig zu westdeutscher Nachkriegsgeschichte erfahren möchte, findet darüber Ausführliches im Internet. Leider ist es fast unvermeidlich, die Gruselarchitektur des Ortes zu umkurven. Auf jeden Fall nicht, wenn man mit der Bahn anreist. Die führt mitten rein ins Graue(n). Der erste Schock der Roten legt sich allerdings, als sie in der Haupteinkaufstrasse eine ununterbrochene Aneinanderreihung ihrer Lieblingsläden vorfindet: Kik. Rossmann. DM. Familia ... alles nur kurz unterbrochen von Cafés, Eisdielen und Kneipen.

Während man dem, was einem weniger gut gefällt, aus dem Weg gehen kann, ist das beim Wetter eine andere Sache. Hier gilt: Mitgefangen - Mitgehangen. In unserem Fall hilft uns auch der Spruch „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur falsche Kleidung!“ nicht weiter. Wir haben die richtige Kleidung, das Wetter ist trotzdem schlecht. Sehr bald wird es sehr schlecht.

Wir nutzen die Wolkenlöcher und Regenunterbrechungen, so gut es geht und machen Ausflüge nach Wenningstedt und nach List. Die unentschlossene Wetterlage hält uns vom Strand fern und treibt uns hinein in die Ortschaften und die heimelige Geborgenheit zahlreicher Bushaltestellenhäuschen. Von hier aus erleben wir ein erstaunlich hohes Besucheraufkommen, obwohl die Hauptsaison bereits vorüber ist. Menschen (und mindestens so viele Hunde) aus allen Teilen der Republik sind hier unterwegs. Selbst den „Sylter Suppen“ in List geht die Suppe aus, bevor wir drankommen.

Auffallend auch die Dichte an Porschefahrzeugen, vermutlich die höchste im Land, noch vor Baden-Baden. Am Strand von Wenningstedt können wir die Flugzeuge fast mit der Hand berühren, die im Endanflug auf den Inselflughafen von Sylt niedergehen. Einem Airbus von Eurowings folgt nur wenig später ein Privat-Jet. Die VP-Kennung des Fliegers steht für die Registrierung auf den Cayman Islands. Wirklichkeit trifft Klischee - und Massentourismus trifft auf die anonymen Steinreichen mit ihren millionenschweren Immobilien, irgendwo versteckt und privat abgesichert in den Dünen.

Die Strandkörbe fliegen tief. Aber eine Sturmflut ist es wohl nicht. Wie die Insulaner das nennen, wissen wir nicht, für uns fühlt es sich an wie ein Jahrhundertsturm.

Zwei Tage lang fegt er ununterbrochen über die Insel. Die befestigten Wege entlang der Dünen sehen aus, als wären sie verschneit. Der hellbraune Schnee ist Sand, der sich in Rekordgeschwindigkeit anhäuft. Trotz des ununterbrochenen Regens hat man nicht nur Sand in den Schuhen, sondern auch zwischen den Zähnen.

Obwohl Regenjacke, nass bis auf die Haut. Fotografieren ohne Tauchermaske oder Skibrille ist unmöglich. Rückzug in die Unterkunft. Blick durch verregnete Fenster. Nicht mal die Einkaufsmeile in Westerwürg lockt noch ein Lächeln ins Gesicht der Gemahlin.

So vergeht die erste Hälfte des Urlaubs. Das Zwischenzeugnis des Aufenthaltes sagt „stark versetzungsgefährdet“. Mal sehen, was noch kommt.

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Kommentare

Kommentar von Roya Ahmadi |

Man muss sich einfach von Café zu Restaurant schleppen und davon gibt es wirklich viele auf Top Niveau!

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