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Auge zu und durch

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Schirm, Charme und eine Zugfahrt

Nachdem wir uns einen Tag lang bei Dauerregen im Appartement verschanzt hatten, wollen wir es heute wissen und die Stadt erkunden.

Dunedin ist anders. Anders als alles, was wir in einer Woche Neuseeland erlebt haben. Wir finden die erste Stadt vor, die ein Gesicht hat. Ausstrahlung. Flair. Die Hügel- und Meerlage, kombiniert mit reichlich altenglischer Architektur, sind die offensichtlichsten Abwechslungen - vor allem zu dem in die Breite gewalzten und funktionalen Invercargill.

Das große innerstädtische Zentrum lädt zum Flanieren und Verweilen ein. Die Frau flaniert - und schleppt tütenweise Zeug aus vorweihnachtlich überfrachteten Shopping-Tempeln heraus. Der Mann verweilt - stundenlang vor den Glasfassaden derselbigen - und hämmert seine Einfälle zu einer neuen Kindergeschichte in sein Smartphone. Wenn es so weitergeht, ist die Story noch vor Abreise druckreif.

 

Halbblinder Passagier

Bevor es jedoch zu der ausführlichen Visite Dunedins kommt, müssen noch in der Unterkunft Maßnahmen ergriffen werden, um der unberechenbaren Witterung nicht schutzlos ausgeliefert zu sein. Am Vortag haben wir im Supermarkt von einer Kassiererin nämlich gelernt „In Dunedin habt Ihr alle vier Jahreszeiten - an einem Tag.“

Der Mann legt Regen- und Kälteschutz bereit. Die Frau kommt mit einem Brett voll Spachtelmasse aus dem Bad. Was aussieht wie der Bestrich für eine riesige Buttercremetorte, ist Sonnenschutzcreme.

Gegen seinen Protest landet die Salbe in dicken Lagen im Gesicht des Chronisten. Der hat es seit jeher nicht gerne, wenn Chemikalien in Kontakt mit seinen Augen treten und sagt das auch. Er glaubt „papperlapapp“ zu hören, ist sich aber nicht sicher, weil die Streichmasse bereits die Ohren bedeckt. Als alle Vorräte an Cremes, Pasten und Salben auf dem Kopf des Mannes verteilt sind, findet er „das sieht aus wie eine Totenmaske“.
Die Frau hingegen „Das zieht noch ein!“.

Tut es nicht.

Eine Stunde später, noch vor der Abfahrt zu einer kleinen Bahnfahrt, verflüssigen sich die ersten Schichten der Buttercreme-Maske und finden sturzbachartig ihren Weg in das eine Auge des Erzählers. Es brennt wie Säure - und statt lupenreiner Landschaftsbilder senden die Sehnerven nur ein chinesisches Feuerwerk in Richtung Gehirn.

Schnell ein Papiertaschentuch in die Augenhöhle geschoben, damit nicht noch das T-Shirt bekleckert wird (größte Sorge der Ehefrau). Die Frau lacht und weigert sich, dem Sichtbehinderten wenigstens zu beschreiben, was er nur noch zweidimensional und verschwommen wahrnehmen kann. Hell und dunkel kann er ja noch unterscheiden.

„Geh, hol Kaffee“, sagt sie stattdessen. Und der Chronist ist sich nicht sicher, ob die Angetraute wirklich Kaffeedurst hat oder nur sehen will, wie er blind und mit heißem Kaffee in den Händen durch den wankenden Zug eiert. Da er in seinem langen Leben schon mit ganz anderen Problemen jongliert hat, erfüllt er auch diese Aufgabe mit stoischer Bravour. Immerhin, die Gemahlin dankt und äußert nun doch (wenn auch sehr spät) Mitgefühl und Bewunderung für den unkaputtbaren Willen ihres Gatten.

Kochmaus stimmt Shanties an, die sie in Sydney im Gefangenenchor gelernt hat. Die rote Frau stimmt fröhlich mit ein.

Das Auge des Chronisten hat sich aufgelöst, die Schmerzen sind erträglich geworden. Jetzt tun ihm die Ohren weh.

Toitu Otago Settlers Museum

Die Bahnfahrt dauert 2 Stunden. Nach Rückkehr in den Bahnhof ist der Tag noch jung. Zeit für einen Besuch im spektakulären Heimatmuseum der Stadt.

Auf einer Länge von über 200 Metern dehnt sich dort die Geschichte Dunedins und Neuseelands aus. Schöne und sorgfältig ausgesuchte Exponate aus grauer Vorzeit bis hin in die Moderne machen den Besuch zu einem optischen Vergnügen. Ein riesiger Saal, bis unter die Decke mit Portraits - Fotografien und Gemälde - von den ersten Siedlern in Dunedin geben der Geschichte eine besonders anschauliche und menschliche Note. Im übertragenen Sinne sind es ja unserer aller Ururgrosseltern. Sie verließen einst ein für sie hoffnungsloses Europa. Auf der Suche nach einer Zukunft und einem besseren Leben landeten sie auf der entgegengesetzten Seite ihrer bisherigen Welt.

Wenn auch viel zu kurz, um alles zu erfassen, verlassen wir das Museum gut gelaunt. Fazit: absolut besuchenswert!

Im Museumsshop findet der Chronist abschliessend sogar ein kleines Büchlein, das sein Interesse erweckt und er käuflich erwerben möchte.

Er kassiert einen strengen Blick der Gemahlin, die mit Nachdruck fragt „Was willst Du denn damit? Du hast doch schon ein Buch."

Der Chronist sieht eine kleine rothaarige Frau vor sich, die bereits unter der Last ihrer eigenen Einkäufe wankt.

„Aber nicht in der Farbe."

End of Discussion.

 

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