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Auf Du und Du mit Düne 40

von (Kommentare: 6)

Unsere Reisezeit ist begrenzt. Die Wunschliste lang. Selbst wenn wir die komplett abfahren, bleibt immer noch reichlich viel von Namibia übrig, das uns nicht zu Gesicht bekommen wird. Bereits an Tag zwei ist klar, dass wir uns selbst einen Gefallen tun, wenn wir dem alten Grundsatz folgen: „Weniger ist mehr“. Wetter und Straßenverhältnisse sind so, dass sie in wenigen Augenblicken jede sorgfältige Routenplanung am Handy oder mit der Karte zu einem unerfüllten Wunschkonzert deklassieren können.

Wir verlassen die Kalahari und steuern als nächstes Tagesziel Sesriem an, eine Art Versorgungs-Stützpunkt am Eingang zum Sossusvlei National Park. Für den wollen wir uns einen ganzen Tag Zeit nehmen.

Mit dem Geruch von richtiger Wüste in der Nase beziehen wir Quartier. Stellen das Auto nach einer elend langen Fahrt endlich ab und parken unsere Seelen unter einem Himmel, der dem schwarzen Kontinent alle Ehre macht - nachdem der orangerote Vorhang am Horizont gefallen ist.

Der Nationalpark ist seit 2013 Welt-Naturerbe. Er besteht im Wesentlichen aus einer Straße, die 60 Kilometer lang in Richtung Westen führt. Einstmals eine reine Schotterpiste, ist sie heute eine gut in Schuss gehaltene asphaltierte Straße, die zum zügigen Fahren einlädt. Deshalb irritieren uns nach wenigen Minuten bereits diese komischen Schilder: roter Kreis mit einer 60 darin. Heißt das, über 60-Jährige dürfen hier nicht mehr durch? Da sind sie bei der Roten und dem Grauen aber gerade richtig. Wie bereits anderenorts zeigen die auch hier, was im Spätsommer des Lebens noch machbar ist.

In sportlichem Tempo geht es weiter. Immer wieder müssen ein paar Langsamfahrer überholt werden. Ab und zu ist ein Foto-Stopp unerlässlich.

Die Fahrt gleicht einer Reise durch ein dreidimensionales Panorama-Gemälde. Mit dem Verlauf der Sonne verändern Farben und Konturen unentwegt ihre Intensität und Wirkung. Jeder Maler und Fotograf ist hier überfordert bei solch einem kolorierten visuellen Spektakel: Eine Palette von harten bis hauchzarten Tönen ergießt sich unter einem stahlblauen Himmel in die Breite. Jeder Versuch – wie auch immer – das naturgetreu festzuhalten, ist zum Scheitern verurteilt.

Die Natur treibt hier Ränkespiele, die für den menschlichen Verstand auf den ersten Blick und auch auf den zweiten nicht begreifbar sind. Die Topografie sieht aus, als hätte ein Schöpfer seinen Baukasten umgekippt und Steine, Sand, Felsformationen und Dünen sich irgendwie zu neuen Bildern geformt. Mittendrin Pflanzen und Tiere, die das Rätsel um das Werden und Sein dieser Landschaft eher erschweren als beantworten.

So schön das alles anzusehen ist, lebensfreundlich ist nichts davon. Erst recht, wenn man sich klar macht, dass wir hier in der „kalten“ Jahreszeit unterwegs sind. Das Thermometer bleibt während des ganzen Tages immer leicht unterhalb der 40-Grad-Grenze.

Einige der ikonischen Bilder Namibias stammen aus der Wüste Namib. Unter anderem die riesigen Sanddünen, die sich im Sossusvlei vor Abermillionen Jahren geformt und seitdem gehalten haben. Geradezu anmutig liegen sie in ihrem Rostrot in der Landschaft und erinnern dabei irgendwie an eine ägyptische Sphinx.

Zu den fotogensten unter ihnen zählen die Dünen 40 und 45. An der 40 fahren wir links ran und wollen das natürliche Wunderwerk aus der Nähe bestaunen. Die Annäherung ist zunächst zaghaft. Der Chronist schaut der Gemahlin zu, die ein paar 20 Meter weit nach oben kraxelt, dabei ein paar älteren Spuren folgt, die noch immer nicht verweht sind. Ein Aufstieg war eigentlich nicht geplant. Es ist zu heiß. Die Düne zu steil. Zu sandig. Wir zu alt.

Zu alt?

Im Chronisten bricht sich ein diffuses Gefühl Bahn: in einer Mischung aus Erinnerung an alte junge Zeiten und Tagtraum sieht er sich vom Gipfel der ca. 200 Meter hohen Düne herabschauen und winken, auf die Welt zu seinen Füssen.

Allen Warnungen und Wehklagen der Angetrauten zum Trotz, setzt er an, um das bisschen angehäuften Sand vor sich zu bezwingen. Die Dünenspitze ist quasi zum Greifen nah. Und das bleibt sie auch, als es Meter für Meter nach oben geht. Und ebenso der Puls. Die Sonne brennt erbarmungslos. 35 Grad um 10 Uhr am Vormittag. Allein, der Gipfel scheint kein bisschen näher zu kommen. Nur der Blick hinab versichert dem Wüsten-Messmer, dass der Aufstieg weiter erfolgt. Die zurückgebliebene Rote hat sich endgültig von einem einstmals kleiner werdenden Punkt in bloße Erinnerung verwandelt.

Die Herzrate auf der iWatch kommt inzwischen nicht mehr unter die 150 Schläge pro Minute. Im klimatisierten Fitnessstudio kein Problem. Hier oben ohne Wasser und Sonnenschutz ist das ein anderes Szenario. Aber was ist ein schwächelnder Körper gegen eisernen Willen. Hier geht es schließlich nicht um eine Erstbesteigung. Tausende andere waren zuvor schon dort oben.

Doch noch immer kommt der Gipfel nicht näher. Irgendwann erkennt der Kletterer, der in seinem Leben bislang kein Faible für größere Erderhebungen entwickelt hatte, dass hinter dem vermeintlichen „Gipfel“ eine weiter Erhöhung liegt. Das, was bislang wie eine Möhre vor dem Esel baumelte, ist der Startpunkt zum Endanstieg.

Inzwischen sind 45 Minuten vergangen, der letzte Tropfen Wasser hat sich aus dem Körper in die Kleidung ergossen, die klatschnass auf der Haut klebt. Das Gesicht ist inzwischen so knallrot, dass der Abenteurer beschließt, sich damit als neues Werbegesicht für Karls Erdbeerhof zu bewerben. Irgendwo weit unten warten Ehefrau, Wasser und Auto mit Klimaanlage.

Der Abstieg dauert zweieinhalb Minuten. Jede Träne, ob aus Wut oder Selbstmitleid vergossen, würde verdunsten, bevor sie den heißen Sand erreicht.

Der Empfang ist herzlich. Die Frau hat sich ernsthafte Sorgen gemacht. Sie ist total erleichtert: Ihr größenwahnsinniger Gemahl hatte nämlich die Autoschlüssel bei sich.

Währenddessen kämpft der Chronist mit der Enttäuschung über die Gewissheit, dass er in diesem Leben soeben seine letzte Chance vertan hat, Düne 40 zu bezwingen. Da hilft ihm auch nicht die Erkenntnis weiter, dass eins der Probleme mit dem Älterwerden die stetig größer werdende Kluft zwischen Wollen und Können ist. Das kommt eben dabei raus, wenn 65 Menschenjahre gegen 80 Millionen Jahre Wüstensand antreten.

Nach weiteren 15 Kilometern erreichen wir die Endstation Sossusvlei. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter. 50 Kilometer geradeaus bis zum Atlantik. Die beigefarbenen Salz-Ton-Pfannen („Vleis“) sind ebenfalls von Sanddünen umschlossen. Hier versandet der Tsauchab Fluss, dessen Verlauf durch den Park anhand eines grünen Streifens von Vegetation gut zu erkennen ist und der nur in seltenen guten Regenjahren Wasser führt.

Wir treten die Rückfahrt am frühen Nachmittag an. Inzwischen sind wir breit von der trockenen Hitze, die vor allem der Roten zunehmend zu schaffen macht.

Am Parkeingang wartet eine malerische Bar auf uns. Noch malerischer und geradezu paradiesisch kommen uns die eiskalte Cola und ein paar schöne fette Pommes vor.

Während der Chronist in sich gekehrt vor sich hin mampft, herrscht ihn die Rote plötzlich an: „Nein! Du bist zu alt für so einen Scheiss!“

Einigermassen verdutzt, fragt sich der Gerügte, ob er den Gedanken an ein neues Duell mit Düne 40 aus Versehen laut ausgesprochen hat. Oder kann die Rote jetzt schon Gedanken lesen?

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Kommentare

Kommentar von Dagmar |

Liebes Grosskind, das ist wirklich sehr sehr bemerkenswert.  

Kommentar von Problemcousine |

Beste Grüße aus dem verregneten Norddeutschland. Ich glaube, mit der 60 sind Meilen pro Stunde gemeint. Das würde die ganze Sache ja relativieren. Und - man(n) ist nie zu alt für Düne 40. Geplant mit genug Wasser, einem optimierten Zeitfenster und den Autoschlüssel bei der Gattin, ich weiß Du schaffst es. Über die tolle Fotoqualitäten braucht man keine Kommentare schreiben - sie sprechen für sich. Viele Grüße von C&J.

Kommentar von Maxi |

Man bekommt vom Lesen Schweißausbrüche und einen trockenen Mund. Die Himmelfotos sind - wenn wunderts - sensationell!
WIR haben übrigens JEDER einen Autoschlüssel!
Frühlingshafte Grüße aus dem sonnigen Santa Eularia von Maxi

Kommentar von Conni |

Wunderbare erste Eindrücke aus Afrika und der krasseste Gegensatz zu meiner gerade beendeten Reise. Ich komme aus dem saftigen Regenwald Indonesiens und schaue nun auf die wunderbare trockene Sandwüste Namibias. Die Welt ist so schön! Noch besser ist, dass wir sie erleben dürfen. Ich freue mich nun im grauen Sachsen auf eure nächsten Berichte und die unvergleichlich schönen Fotos. Liebe Grüße Conni

Kommentar von Dallo |

Wir sitzen hier im kalten, verschneitem Tirol, versorgen derweil Skiunfälle. Diese wunderschönen heißen und sonnigen Bilder machen Hoffnung auf ein baldiges Ende des Winters.
Ich wäre da nicht hoch. Respekt für Peter.
Dinne Schwester

Kommentar von Dieter |

Pjotr, so fertig habe ich Dich ja das letzte Mal nach einem Sprungwochenende mit vielen Grtränken gesehen. Muss Lichtjahre her sein.
Respekt, auch was den Härtetest für Dein ❤️ anbelangt.

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