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Anschlussfluch

von (Kommentare: 7)

Vom Bildschirmschoner mit türkisblauem Meer und goldfarbenen Stränden hat sie langsam genug. Die Rote will endlich wieder „The Real Thing“: den Duft der großen weiten Welt, statt immer nur Berliner Feinstaub. Die roten Geduldsfäden sind zum Zerreißen gespannt, nachdem innerhalb der vergangenen 18 Monate gleich zwei mit Freuden erwartete Langreisen von Veranstalterseite kurzfristig abgesagt wurden.

Während der Graue immerhin die Schweiz und Sardinien erleben durfte, blickt seine Gemahlin noch immer in die Röhre bzw. auf den Flachbildschirm, von dem aus sie lediglich die Welt ihrer Arbeit erblickt. „Ich will Sonne und Wärme“, quengelte sie immer lauter. Die einfachste Lösungsformel für dieses Problem bei Rot und Grau lautet: „Schiff Ahoi!“

Als bekennende Kreuzfahrer entscheiden sich die Vermählten für eine kleine Spritztour: von den Kapverden bis nach Teneriffa. Nicht unbedingt eine spektakuläre Traumstrecke, aber immerhin die Aussicht auf wärmere Gefilde, entspanntes Nichts-Tun bei tollem Service und der Gelegenheit, ein neues Schiff kennenzulernen: die MV Hanseatic nature. Sie ist eines von drei baugleichen Expeditionsschiffen der Reederei Hapag Lloyd.

Um an Deck der kleinen Realitätsflucht auf Zeit zu gelangen, ist die Anreise von Berlin aus mit Zwischenstopp und Umsteigen in Lissabon erforderlich. Für die Rote wird es die erste Abreise vom neuen Hauptstadt-Flughafen, der auch sie nicht überzeugen kann. Und obwohl der Graue eine Woche zuvor mit seiner BER-Premiere dort keine Katastrophe erlebt hatte, kam auch bei ihm erneut keine echte Sympathie für das Jahrhundertbauwerk auf.

Der Flughafen ist und bleibt einfach nur piefig und miefig. Nicht nur, dass trotz 10 Jahre Verspätung noch immer nicht alles funktioniert - oder schon wieder nicht; das ganze Design und die Atmosphäre erinnern einfach nur an deutsche Wohnzimmerschrankwände der 60er Jahre. Wer immer sich das ausgedacht hat, hat entweder voll auf „Retro“ gesetzt oder einfach keinen Geschmack. Oder beides. Von einem Gespür für Zweckmäßigkeit ganz zu schweigen.

Sei’s drum. Die Reisenden wollen einfach nur weg von hier. Leider klappt das nicht wie geplant. Schuld daran ist allerdings nicht der Flughafen. Vielmehr lässt ein zu spät aus Lissabon eintreffender Flieger der portugiesischen TAP das Zeitfenster zum Umsteigen von zwei Stunden auf null schmelzen. Unschön: der in Lissabon wartende Flieger wird der letzte des Tages sein, der die Kapverden anfliegt. Die nächste Verbindung wird die Insel erst erreichen, wenn die Hanseatic bereits abgelegt hat.

 

Abends um 22 Uhr, im strömenden Regen – und damit der Stimmung der Reisegruppe angepasstem Wetter – landet das Flugzeug also mit zweieinhalb Stunden Verspätung in der portugiesischen Hauptstadt.

Der Verspätung der Anschlussmaschine ist es zu verdanken, dass die Berliner Reisenden noch wie eine Viehherde durch Lissaboner Flughafenterminals gescheucht werden und nur Augenblicke vor Toresschluss an Bord gelangen. In den gefühlten 2000 Augenpaaren der bereits angeschnallten Mitreisenden spiegeln sich alle möglichen Emotionen: Mitgefühl ist nicht darunter.

Erschöpft sinken die Rote und der Graue in sich zusammen, als die Maschine schließlich Richtung Sal abhebt. Währenddessen liegen ihre Koffer warm und trocken im Zubringerflugzeug aus Berlin herum.

Dreieinhalb Stunden später, nach einem überschwänglichen Bordservice von 100 ml Wasser pro Person und nicht verstellbaren Rückenlehnen, erreichen die Überreste der ehemals fröhlich gestarteten Berliner Reisegruppe den Flughafen Sal.

Es ist zwei Uhr in der Nacht. Die Luft ist warm. Es riecht nach Karibik. „Das ist mein einziger Urlaub in diesem Jahr“, hallt eine tränenunterdrückte Stimme auf der Gangway in die kapverdische Nacht. Es ist die Rote. Sie will nicht glauben, dass ihr Koffer keinen Raketenantrieb hat und uns selbständig hinterhergeflogen ist.

Der Urlaub kann beginnen.

 

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Kommentare

Kommentar von Martina |

Großes Beileid wegen der Koffer. Üble Erinnerung an 3 Tage in einer Dschundellodge in Costa Rica mit je 1 TShirt, Zahnbürste, Rasierer, Deo nur für den Gatten und ansonsten Winterkleidung. Allerdings: die von Iberia zur Verfügung gestellte Kulturtasche benutzt Günter bis heute.

Kommentar von Die Kleene |

Ach herrje, das ist ja mal kein guter Start. Das tut mir echt leid!!
Habt ihr jetzt die Bordboutique vom Schiff leer gekauft? Peter hat diesbezüglich ja beste Erfahrung, wie ich mich erinnern kann. In Ruka spricht man heute noch von Peter der Großzügige und die Dame von Finnair wacht immer noch jede Nacht schweißgebadet auf.
Ich hoffe ihr könnt jetzt, trotz anfänglicher Schwierigkeiten, euren Urlaub genießen. Der Blick beim Frühstück ist jedenfalls schon sehr entspannend.

Kommentar von Peter |

Liebe Yvonne, die Leute aus Rukka schicken mir heute noch Glückwünsche zum Geburtstag und fragen nach, wann ich wieder mal vorbeischaue. Die Dame von Finnair hat gekündigt und sucht seitdem ihren Frieden in einem abgelegenen Kloster in Nordnorwegen.

Da ich damals gelernt habe, dass man auf Airline-Kosten keine Markenschlüpper kaufen soll, wenn’s Billigimporte gibt, haben wir diesmal einen lokalen Laden heimgesucht, mit einem Warenangebot zweifelhaften Ursprungs (Asien?). Mal sehen, was diesmal Air Portugal für Ausreden findet, wenn es um die Kompensation geht.
Man lernt ja immer gerne dazu :-)

Kommentar von Die Kleene |

Multikulti im Kloster von Jokelfjord und zum Kapitänsdinner gehts jetzt in Flip flops, Tunika und Strandshorts. ...crazy times

Kommentar von Problemcousine |

Liebes Rot/Grau Team ! Wir sind zwar nicht so Reiseerfahren wie Ihr, aber mit TAP haben wir auf einer Tour 2007 von den Kapverden ähnliche Erlebnisse gehabt. Da gings allerdings heim , so das der verspätete Koffer nicht ganz so tragisch war... Gute Reise aus MV

Kommentar von Dieter |

Als erstes freue ich mich Peter dass Du nicht allein unterwegs bist und Ihr gemeinsam Freud und Leid ertragen könnt. Wünsche eine unvergesslich "schöne" Zeit und werde diese Reise ganz besonders intensiv verfolgen.(Mein Reisepass ist immer noch nicht da)

Kommentar von Klaus |

Ihr habt mein volles Mitgefühl! Gabi und ich hatten letztes Mal in der Dom Rep 8 Tage auf unsere Koffer gewartet. Besonders schlimm ist mir in Erinnerung: Man hat ja nur die warmen Klamotten am Leib, weil man "aus der Kälte kommt". Die locker leichte Urlaubskleidung ist im Koffer und nicht so schnell ersetzbar. Macht das beste draus! - Übrigens: Diesmal hatte ich Glück. Bin gestern mit Koffer (!) in der Karibik gelandet und alles passt!

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